Twitter - ein Plagiat? Erster Pushdienst schon '97

Veröffentlicht auf von Roland Keller

Gleich mehrere Blogger verweisen auf den Twitter-Baum von Manolith, der die Entwicklung des Dienstes zeigen soll (siehe Ende der Seite). Mir ist nicht nur der Stamm etwas zu stark, weil die Entwicklung des Pflänzchen Twitter noch weiter gehen dürfte, es fehlt auch eine Wurzel, die für mich eindeutig ein Twitter-Vorläufer ist.

Ich kann mich erinnern, dass ich bereits 1998 Push-Infos von Lufthasa empfangen konnte, die über meinen Bildschirm flogen. Das war zwar nicht Browser-basiert, sondern erforderte die Installation einer kleinen Software eine Anmeldung, um die Nachrichten zu erhalten.

Im Prinzip funktionierte die von backweb.com in den USA entwickelte und in Deutschland durch Rodomedia Heidelberg vertriebene Applikation wie Twitter. Allerdings war das Ziel nicht der Consumer, sondern Mitarbeiter in Unternehmen. Einige Unternehmen haben dies auch für ihre Corporate Communication getestet - je nach Einsatz auch als Push-Dienst mit Rückkanal.
Interessant dabei: schon damals gab es das heute mehr denn je aktuelle Argument, dass E-Mail unproduktiv sei. Und Backweb hat durchaus die Social Web-Kriterien erfüllt, bevor das Buzz Word Web 2.0 die Runde machte.


Ich habe mich leider, nachdem ich den Artikel im Juli 1998 (veröffentlicht im August 98) für das IDG-Business-Magazin Global Online (ruht inzwischen in Frieden) geschrieben hatte, nicht länger mit Backweb beschäftigt, erinnerte mich aber angesichts des Twitter-Hypes, dass es doch schon vor über zehn Jahren ein sehr ähnlicher Service gab, von dem ich fälschlicherweise ausging, dass die eine "Killerapplikation" wird. Gut zehn Jahre später wurde dies Twitter, falls man hier von einer Applikation sprechen kann.

Warum sich Backweb nicht durchsetzte, hing wohl vor allem damit zusammen, dass das Thema zu früh kam, um tatsächlich eine kritische Masse zu erreichen.
Twitter könnte nun schaffen, was Backweb nicht gepackt hat: Aus dem Consumer-Umfeld in die Unternehmens-Kommunikation zu finden, auch um dort die E-Mail-Flut einzudämmen.
Die Pressemitteilung von 1997 zu dem Push- und Pull-Dienst ist immer noch auf
backweb.com zu lesen.


Hier das unredigierte Manuskript zu Backweb für Global Online aus dem Juli 1998:

P
usch me - Update für die Unternehmens-Kommunikation

Während in vielen deutschen Unternehmen gerade die Möglichkeiten des E-Mail-Einsatzes entdeckt wird, nimmt bei langjährigen Nutzern der Glaube an die Effektivität des Instruments ab. Geklagt wird, daß zu viel Unwichtiges das schnelle und preiswerte Instrument unproduktiv macht. Als Hilfe bietet sich ein neues Pusch- und Pull-Werkzeug aus den USA an, mit dem die Unternehmens-Kommunkation effektiver, transparenter, individueller und gezielter ausgerichtet werden kann.

Gerade war auf dem Monitor nur ein Text-Dokument zu sehen. Plötzlich taucht eine Lufthansa-Ju auf und zieht unaufgefordert ihre Schleifen über den Text, im Schlepp ein Sonderangebot der Kranich-Linie. Mit Unternehmens-Kommunikation hat dieser Referenz-Channel, mit dem das junge US-Unternehmen Backweb Technologies effektivere Kommunkationsmöglichkeiten darstellen will, im ersten Moment wenig zu tun. Seine neue, kombinierte Kommunikationslösung verbindet in idealer Weise Knowledge-Managment, Informations-/News-Systeme und E-Mail-Funktionen.

Hat ein Unternehmens-Vorstand Backweb zur Verfügung, kann er in der gleichen auffälligen Weise wie die Lufthansa ein Dokument auf den elektronischen Schreibtisch der Mitarbeiter flattern lassen. Dank der Alarm-Funktion hätte er die Chance, daß es sofort gelesen wird und nicht in dem Wust der täglichen E-Mail erstickt. Dies ist aber nur eine Funktion des neuen Tools, das intelligent eingesetzt auch zur Mitarbeiterführung taugt und erlaubt neue, offenere und effektivere Kommunikations-Prozesse in Unternehmen zu implementieren.

Auf viele Manager lauern, wenn sie am späten Nachmittag das tägliche Meeting-Marathon hinter sich haben, oft mehr als 100 E-Mails. Für  Bernhard Gröhl, Leiter Informationssysteme bei Otelo, beginnt spätestens hier der Einsatz von E-Mail unproduktiv zu werden: „In einem Unternehmen, das sich mit Kommunikation befaßt und deshalb auch innovative Kommunikationsmöglichkeiten intensiv nutzt, quellen rasch die E-Mail-Briefkästen über. Es wird immer schwieriger das Wichtige aus dem Unwichtigen herauszufiltern und Prioritäten für die Bearbeitung und Beantwortung zu setzen.“ Trotz dieser Kritik ist Gröhl weit davon entfernt, den Einsatz von E-Mail zu verdammen, zumal er sich seine Arbeit bei dem IT-Unternehmen ohne die Nutzung elektronischer Kommunikationssysteme nicht vorstellen kann. Wie andere auch, hat er erkannt, daß die einfache, unstrukturierte Anwendung elektronischer Post in großen Unternehmen rasch an ihre Grenzen stößt und neue, kombinierte und produktivere Lösungen notwendig sind. Kein Wunder also, daß die amerikanische Start-Up-Companie Back Web Technologie aus San José bei Otelo offene Türen einrannte und Gröhl nach kurzer Prüfung einen Pilotversuch mit der Client-/Server-Software startete, der jetzt in den Regelbetrieb geht. Denn mit ihrer „Killer-Appliaktion“ (Gröhl) lassen sich die Kommunikationsprozesse eines Unternehmens nicht nur einfach und transparent strukturieren, sondern auch ideal auf die individuellen Informations- und Kommunikations-Bedüfnisse von Mitarbeitern und Teams ausrichten. Backweb ermöglicht gleichermaßen eine gelenkte hierarchische Kommunikation als auch die Kommunikation zwischen Unternehmensbereichen und kleinen Teams. Der Begriff Killer-Applikation wird immer gern dort angewendet, wo eine neue Software-Entwicklung alte Systeme obsolet macht oder Konkurrenz-Anwendungen  aus dem Feld schlagen könnte. Tatsächlich wird Backweb die klassische E-Mail aber nicht ersetzen, sondern kann sie durch ihre kombinierte Push- und Pull-Technik intelligent ergänzen und die Briefkästen davor bewahren überzuquellen. Die neue Version läßt sich nahtlos in die Microsoft E-Mail-Applikation Outlook integrieren.

Pushen bedeutet nichts anderes, als daß der Empfänger automatisch Informationen auf seinen Rechner zugespielt bekommt - etwa über abonnierte, vordefinierte Themen-Channels. Pull, daß er aktiv nach Bedarf Informationen aus dem interenen Netz oder Internet ziehen kann. Das mag im ersten Moment kompliziert klingen. In der Praxis funktiniert das so, daß sowohl Sender als auch Empfänger in ihrer Software Filter einschalten und Profile skalieren können. Damit wird sichergetellt, daß nur die gewünschten Gruppen die für sie bestimmten Nachrichten empfangen oder darauf zugreifen können. Informationen, die nicht zum Profil des Empfängers passen, kann dieser abwehren. Hierbei gibt es natürlich auch Vorfahrtsregeln, die die Filter übergehen. Etwa wenn die Geschäftsführung sicher gehen will, daß ihre Anweisungen nicht in den Filtern hängen bleiben. Zu diesem Zweck können auch die eingangs vorgestellten Alarm-Funktionen eingesetzt werden, damit auf die Nachricht sofort reagiert wird.

Backweb ist generell zwar ein Broadcast-Medium, das die Bildung von Kanälen für mehrere Empfänger erlaubt, zugleich läßt es sich aber in kleinen Arbeitsgruppen so individuell anwenden wie persönliche E-Mail-Nachrichten. Gröhl: „Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, die hilft, die Informationen genau dorthin zu leiten, wo sie benötigt werden.“ In Ansätzen bieten dies auch Netscape und der MS Explorer mit ihren Channel-Möglichkeiten, die allerdings viel starrer angelegt und wesentlich komplizierter für die Verbreitung von Nachrichten zu handhaben sind. Bei Backweb kann ein User unkompliziert selbst Nachrichten einspeisen. Das erlaubt auch kleinen Teams eigene Infostrukturen aufzubauen.

Bei Otelo wird die Backweb-Server-Software auch zur Sammlung und Generierung von Daten aus dem Intranet und Internet eingesetzt. Das erlaubt der Marketing-Abteilung eine umfassende Konkurrenz-Beobachtung. Die Presseabteilungen kann gezielt Material für ihren täglichen Pressespiegel sammeln, der wiederum als Channel ins Intranet gestellt wird. Alle Mitarbeiter, die diese Daten für ihre tägliche Arbeit benötigen, bekommen diese gepuscht, andere können die Channel abonnieren. Die Pull-Technik erlaubt auch den Zugriff auf die Daten des hauseigenen Archivierungssystemsn. News- und Informations-Übermittlung sowie Knowledge-Management ergänzen sich somit ideal.

Nach der erfolgreichen Pilotphase mit 200 Mitarbeitern können ab August alle 3000 Otelo-Mitarbeiter auf das System zugreifen. Wie sich durch Backweb die Unternehmens-Kommunkation bei Otelo genau gestalten wird, kann Gröhl heute nicht voraussagen. Er geht aber davon aus, daß sich parallel zu den breiten Strömen zahlreiche Kommunikations-Inseln im Intranet bilden werden, die zugleich eine offenere und zweckgebundenere Kommunkation ermöglichen. Als ideal bezeichnet er auch die Verträglichkeit von Backweb mit unterschiedlichen Software-Plattformen und die Anbindung an Informationssystem von Drittanbietern  - etwa Lotus Notes. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten seien die Kosten für die Software und Implementierung mit etwa einer halben Million Mark sehr günstig.

Das faszinierende bei Backweb ist für Gröhl, daß sich hier nicht ein Unternehmen an die Bedürfnisse der Software anpassen muß, sondern sich die Software den Kommunikations-Strukturen eines Betriebes anpassen läßt. Statt Kommunkation von oben nach unten ist ein intelligentes, sich selbst organiserende, intelliegentes Broadcast möglich. Deshalb geht Gröhl auch davon aus, daß die Vorteile des Systems, erst allmählich ausgereizt werden können. Angedacht ist bei Otelo ein Computer based Training, das sich mit dem kombinierten Push- und Pull-Medium ideal umsetzen ließe. Bei 400 bei 500 Schulungstagen, die das Unternehmen jährlich durchführt sei das ein ideales Einsatzgebiet, so Gröhl.

Bei dem Netzwerk-Technik-Unternehmen Cisco, das den Großteil seiner Umsätze über das Internet generiert, ist Backweb schon seit geraumer Zeit als Corporate Information-Service im Einsatz. Es ersetzt dort sogar das Business TV. Mit Real Video-Applikationen werden Bewegtbilder an die Mitarbeiter geschickt. Die laufen zwar in Briefmarkengröße, zeigen aber heute schon deutlich die Einsatzmöglichkeiten einer intelligente Broadcast und Pull-Software für die Zukunft.

Mit dem frei aus dem Netz ladbaren Backweb-Client kann jeder Nutzer auch auf zahlreiche öffentlich zugängliche Channels verschiedener Anbieter zugreifen und die Inhalte abonnieren- etwa auf den oben genannten Lufthansa-Channel. Daneben gibt es zahlreiche amerikanische Info-Channels. Compaq nutzt das Tool für seinen User-Support und liefert über einen eigenen Channel Infos und Upgrades an die Anwender. Die voll funktionsfähige Backweb-Client-Software ist über www.backweb.com zu laden und kann auch ohne Intranet-Anbindung genutzt werden.

Auf Don Hernandez, von dem deutschen Backweb-Vertrieb , Heidelberg, der das System bei Otele implementirert hat, wartet derzeit eine Menge Arbeit. Nach dem erfolgreichen Pilot-Einsatz planen noch weitere deutsche Unternehmen die Kommunikations-Lösung einzusetzen. Zu den Backweb-Kandidaten zählen auch Siemens und der Südwestfunk. Rodomedia rainiert derzeit für Backweb die Handelspartner. Seine praktischen Erfahrungen sammelt Hernandez derzeit allerdings bei der Implementierung des Systems in Unternehmen. Technisch sei dies kein Problem und ließe sich in wenigen Tagen realisieren, betont er. Länger dürfte es allerdings dauern, bis sich in den Unternehmen neue Kommunikationsstrukturen herausgebildet haben. Möglicherweise werde sich, sollte Backweb tatsächlich die neue Killer-Applikation werden und eine kleine Revolution auslösen, wie dies Deutschland-Chef Eduard Kaussner hoft, über kurz oder lang Standards herausbilden. Davon ist der 34jährige Backweb-Chef Eli Barkat fest überzeugt. Darin bestärken ihn auch die regelmäßigen Fragen, wann endlich die Start-Up-Company (einer ihrer Investoren ist Goldman Sachs) den Sprung an die die Börse wagt- als neuer Shooting-Star unter den boomenden Internet-Werten.

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Veröffentlicht in Ten Years After

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